In der Nacht zum 2. Juli 2026 hat die schwarz-rote Koalition in ein paar Stunden Sitzung festgelegt, wie in Deutschland künftig eingestellt, gekündigt und fürs Alter vorgesorgt wird. 34 Maßnahmen, verpackt als „Programm für Aufschwung und Beschäftigung". Klingt nach Politiksprech zum Weghören. Ist es aber nicht. Wenn du Leute einstellst oder gerade selbst über einen Wechsel nachdenkst, verschiebt dieses Paket ein paar Spielregeln, die dich direkt betreffen.
Hier ist der Überblick ohne Schaum vor dem Mund. Was drinsteht, was es für den Arbeitsmarkt heißt und wo die Haken liegen.
Das Paket in 30 Sekunden
Erst mal die Einordnung, bevor jemand in Panik verfällt: Das Reformpaket ist eine politische Einigung, noch kein geltendes Gesetz. Es steckt den Rahmen ab, die konkreten Gesetze kommen Stück für Stück. Die Steuerreform greift zum 1. Januar 2027, die große Rentenreform soll bis Ende 2026 durch den Bundestag. Ein neues Arbeitszeitgesetz, seit Jahren der Zankapfel, ist bewusst nicht dabei und wird später verhandelt.
Trotzdem gilt: Die Richtung steht. Und die heißt Flexibilisierung für Arbeitgeber, mehr Eigenverantwortung für Beschäftigte, und ein Rentensystem, das sich auf eine alternde Bevölkerung einstellt. Gehen wir es durch.
Der Arbeitsmarkt wird flexibler, und härter
Das ist der Teil, der dich als Arbeitgeber oder Bewerber am schnellsten erreicht.
Sachgrundlose Befristung bis 48 Monate
Bisher konntest du jemanden maximal zwei Jahre ohne sachlichen Grund befristen. Künftig sind es bis zu 48 Monate mit bis zu sechs Verlängerungen. Eine glatte Verdoppelung. Gelten soll das für Beschäftigte, die bis Ende 2030 eingestellt werden.
Für Betriebe ist das ein echter Hebel. Gerade Start-ups und wachsende Firmen können in unsicheren Zeiten einstellen, ohne sich sofort dauerhaft zu binden. Die Kehrseite liegt auf der Hand: Vier Jahre Unsicherheit sind für Bewerber eine Ansage. Wer gute Leute will, kann sich hinter der langen Befristung nicht verstecken. Im Kampf um Fachkräfte gewinnt trotzdem, wer Sicherheit und Perspektive bietet.
Kündigungsschutz gegen Abfindung
Für gutverdienende Spitzenkräfte, im Gespräch ist eine Grenze rund um das 1,75-fache der Beitragsbemessungsgrenze, also grob 177.000 Euro Jahresgehalt, soll der Kündigungsschutz durch eine Abfindungslösung ersetzt werden können. Heißt: Trennung wird planbarer und schneller, gegen Geld statt gegen jahrelangen Rechtsstreit.
Dazu kommt ein zweiter Anreiz: Abfindungen werden steuerlich begünstigt, wenn der oder die Betroffene zügig eine neue Stelle antritt. Je schneller der Wechsel, desto größer der Steuervorteil. Der Gedanke dahinter ist „Job to Job statt erst mal Arbeitslosigkeit". Für den Arbeitsmarkt kann das Bewegung bringen. Für dich als Arbeitgeber heißt es: Trennungen von teuren Positionen werden kalkulierbarer.
Schluss mit der telefonischen Krankschreibung
Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft. Und die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung muss künftig ab dem ersten Krankheitstag vorliegen, nicht mehr erst ab Tag vier. Der Kanzler selbst nannte das eine harte Entscheidung.
Arbeitgeberseitig ist die Logik klar: weniger Missbrauch, mehr Kontrolle. Gewerkschaften sehen darin einen Generalverdacht gegen Beschäftigte. Beides ist nachvollziehbar. Für dich in der Praxis bedeutet es vor allem: Der Umgang mit Krankmeldungen wird sich ändern, und das solltest du im Onboarding und in deinen Prozessen sauber abbilden.
Mehr Netto, neue Anreize
Parallel zieht die Koalition an den finanziellen Stellschrauben.
Zum 1. Januar 2027 kommt eine Einkommensteuerreform mit einem Entlastungsvolumen von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Profitieren sollen vor allem Familien sowie kleine und mittlere Einkommen, über höheren Grundfreibetrag, höheren Kinderfreibetrag und mehr Kindergeld. Für einen Durchschnittshaushalt ist von bis zu 600 Euro im Jahr die Rede. Gegenfinanziert wird das unter anderem über einen höheren Spitzensteuersatz für sehr hohe Einkommen ab 250.000 Euro.
Dazu ein paar Details, die im Recruiting-Alltag zählen: Die steuerlich begünstigten Sonn- und Feiertagszuschläge werden ausgeweitet, künftig bis zu einem Stundenlohn von 75 Euro. Die Arbeitnehmerpauschale steigt um 200 Euro. Und der Pauschalsteuersatz für Minijobs klettert von zwei auf fünf Prozent, was Minijobs für Arbeitgeber etwas teurer macht.
Unterm Strich: Für viele Beschäftigte bleibt netto mehr übrig. Und „mehr Netto vom Brutto" ist ein Argument, das du in Gehaltsgesprächen und Stellenanzeigen ruhig auf dem Schirm haben solltest.
Die Rente: der eigentliche Paukenschlag
Der Teil mit der größten Langzeitwirkung läuft etwas abseits der Arbeitsmarkt-Schlagzeilen, hängt aber direkt mit ihnen zusammen. Grundlage ist der Bericht der Alterssicherungskommission unter Frank-Jürgen Weise, dem früheren Chef der Bundesagentur für Arbeit, und der Sozialrechtlerin Constanze Janda. 33 Empfehlungen, die die Koalition vollständig umsetzen will.
Die Eckpunkte: Das Renteneintrittsalter wird nach 2031 an die steigende Lebenserwartung gekoppelt und steigt schrittweise, Richtung 67,5 Jahre bis 2041. Der abschlagsfreie Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren, bekannt als „Rente mit 63", soll abgeschafft werden, weil er als zu teuer gilt. Neu dazu kommt eine verpflichtende kapitalgedeckte Komponente nach schwedischem Vorbild: ein zusätzlicher Beitrag von zwei Prozent, hälftig von Arbeitgebern und Beschäftigten getragen und über einen staatlich gelenkten Fonds am Kapitalmarkt angelegt. Und die Beitragsbasis wird breiter: Selbstständige ohne eigene Absicherung und Abgeordnete sollen künftig einzahlen, Beamte perspektivisch.
Die Botschaft dahinter ist unbequem, aber ehrlich: Länger arbeiten, breiter einzahlen, stärker selbst vorsorgen. Der Grund ist simpel und lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Babyboomer gehen in Rente, und es kommen zu wenige nach. Genau diese Demografie ist auch der Motor deines Fachkräfteproblems.
Was das für dein Recruiting bedeutet
Jetzt der Teil, der in den Nachrichten meistens fehlt: Was heißt das alles für die, die tatsächlich Leute einstellen müssen?
Erstens: Der Grundkonflikt bleibt. Kein einziger Punkt im Paket zaubert Fachkräfte herbei. Längere Befristungen und leichtere Trennungen geben dir mehr Werkzeuge, aber sie füllen keine Vakanz. Der Engpass sitzt weiter auf der Angebotsseite, und mit dem Renteneintritt der Babyboomer wird er größer, nicht kleiner.
Zweitens: Flexibilität schneidet in beide Richtungen. Du kannst leichter einstellen, ja. Aber die guten Leute können auch leichter gehen, gerade wenn steuerbegünstigte Abfindungen den schnellen Wechsel belohnen. Bindung entsteht dann nicht über Verträge, sondern über Kultur, Aufgabe und Arbeitgebermarke.
Drittens: Deine Argumente verschieben sich. Wenn Befristungen länger und Trennungen einfacher werden, wird Sicherheit zum Differenzierungsmerkmal. Wer unbefristet einstellt und das offensiv kommuniziert, sticht in einem Markt heraus, in dem viele auf lange Befristung setzen. Employer Branding wird nicht unwichtiger, sondern schärfer.
Und viertens: Wer jetzt eine Position priorisiert besetzen muss, sollte nicht auf ruhigere Zeiten warten. Der Wettbewerb um Talente entspannt sich durch dieses Paket nicht. Er wird nur mit anderen Karten gespielt.
Wenn du grundsätzlich überlegst, ob du dein Recruiting lieber selbst stemmst oder abgibst, findest du die ehrliche Rechnung dazu in unserem Beitrag Recruiting auslagern: Lohnt sich das wirklich?.
Großer Wurf oder Reförmchen?
Ehrliche Einordnung heißt auch, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen.
Vom Arbeitgeberlager kommt verhaltenes Lob. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft nennt es „kein großer Wurf", sieht beim Arbeitsmarkt aber eine positive Überraschung, weil die Koalition weiter geht als erwartet. Kritisiert wird, dass die Steuerreform kleiner ausfällt als erhofft und dass das strittige Arbeitszeitgesetz fehlt.
Von Gewerkschaftsseite ist das Bild geteilt. Der DGB begrüßt, dass kleine und mittlere Einkommen gezielt entlastet werden und dass Tarifparteien mehr Spielraum bekommen. Gleichzeitig läuft er gegen die Ausweitung sachgrundloser Befristungen und die verschärfte Krankmeldepflicht Sturm.
Bei der Rente ist die Front am schärfsten: Ökonomen begrüßen den Kurs überwiegend, Gewerkschaften und Teile der Opposition kritisieren steigende Beiträge, das höhere Rentenalter und das Aus für die Rente mit 63. Kurz: Der Weg von der Einigung zum fertigen Gesetz dürfte holprig werden. Rechne damit, dass sich im Detail noch etwas bewegt.
Fazit
Das Reformpaket 2026 ist kein Erdbeben, aber auch kein Papiertiger. Es macht den Arbeitsmarkt flexibler, verschiebt Anreize und stellt die Rente auf eine härtere demografische Realität ein. Für Arbeitgeber gibt es mehr Werkzeuge beim Einstellen und Trennen. Für Beschäftigte mehr Netto, aber auch mehr Eigenverantwortung und weniger Sicherheit.
Was das Paket nicht ändert: den Kampf um die guten Leute. Der bleibt, egal wie flexibel die Verträge werden. Wer diesen Kampf gewinnen will, braucht keine neuen Paragrafen, sondern eine klare Arbeitgebermarke und einen Recruiting-Prozess, der liefert.
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